Tag Archiv für "Third-Party-Cookie"

„Die Nachricht schlug ein wie eine Bombe“ titelt ein Werbefachmedium über die aktuelle Entscheidung von Google kein siteübergreifendes Tracking mehr unterstützen. Google Advertising hatte das in einem Blogpost  nochmals klargestellt.

Aber so überraschend kommt der Schritt nicht. Er ist eine logische Folge des schon lange angekündigten Wegfalls des Third-Party-Cookie, das bisher die technische Grundlage für das Tracking darstellt. Im Blogpost wird nur zusätzlich explizit betont, dass Google Advertising keinen alternativen übergreifenden Identifier bereitstellen und auch keine externen ID-Lösungen (wie etwa die eben aus der Taufe gehobene Universal ID 2.) innerhalb ihrer Werbesysteme unterstützen wird. Alles andere wäre aber auch eine große Überraschung  und  im Widerspruch zur von Google  seit über einem Jahr verfolgten Strategie gewesen. Zugleich betont Google ausdrücklich, dass sie First-Party-Daten, die auf einem Login oder einem nachvollziehbaren Consent beruhen auch in Zukunft unterstützen.

Und damit kann Google auch weiterhin – entgegen der aktuellen Darstellung in den Medien – Nutzer für Werbeprodukte personalisieren. Die Personalisierung  innerhalb ihres Owned Contents, also etwa in der Google Suche oder auf Youtube,  ist  ja vom Wegfall der Third-Party-Cookies gar nicht betroffen. Siteübergreifend soll dann in Zukunft exklusiv der Chrome-Browser profilieren (der bekanntlich  ebenfalls zum Konzern gehört) und diese Informationen mit  dem Rest des Ökosystems nur noch in einer Form ( den FLoCs oder Federated Learning of Cohorts) teilen, die keinen Rückschluss auf den einzelnen Nutzer mehr erlaubt.

Sehr spannend wird bei einer zentralen Frage: Lässt der Browser in Zukunft die siteübergreifende Identifikation von Nutzern über Lösungen wie die Universal ID 2.0 jenseits der Werbe-Ökosystems von Google selbst  technisch zu oder behindert er sie? Die Entscheidung darüber liegt dann formal wieder beim Chrome-Team im Haus Google.

Jochen Witte hat sich mit mir in der aktuellen Folge des IGEM-Videocast (IGEM=Interessengemeinschaft elektronische Medien) über die Zukunft der digitalen Werbung nach dem Ende der 3rd-Party-Cookies unterhalten. Wir haben u.a. über die Gewinner und Verlierer dieser Entwicklung gesprochen.Und über die wichtigere Rolle, die First-Party-Daten und die Entscheidungen der Publisher künftig spielen. Ein kleines Plädoyer für mehr Wettbewerb und weniger Oligopole und Monopole ist auch enthalten.

Über Sinn oder Unsinn von Cookies, die Unterscheidung von First- und Third-Party hatten wir in unserem Klartext-Blog ja vor kurzem schon meditiert.

Die Diskussion darüber, wie Webbrowser Cookies und darüber hinaus Werbeeinblendungen im Web generell behandeln sollen, hat seitdem noch erheblich an Intensität zugenommen.

Verfolgt man öffentliche und halböffentliche Äußerungen der Protagonisten, so kann man mit Fug und Recht behaupten, dass hier Auseinandersetzungen im Gang sind, gegen die die Browserkriege der Vergangenheit wie ein harmloses sportliches Kräftemessen wirken. Ging es damals um Diadochenkämpfe zwischen Technologiekonzernen, so geht es heute um weit umfassendendere Geschäftsmodelle deren weitere Emtwicklung auch gesellschaftliche Auswirkungen haben wird.

Wie hart und auch persönlich die Diskussion dabei geführt wird, zeigt ein Interview, das Randall Rothenberg, der Vorsitzende des amerikanischen Internet Advertising Bureau (IAB), vor kurzem hier gegeben hat. Ich empfehle Ihnen das Interview ganz zu lesen, selbst wenn Sie nicht jedes Detail verstehen (ich selbst weiß auch nicht, was das DAA genau ist).

Was man hier lernen kann ist: Es steht sehr viel auf dem Spiel. Wenn Daten im Internet in Zukunft nur noch von wenigen, über Nutzungsbedingungen privilegierte First-Party-Torwächtern erhoben werden dürfen, so bedeutet dies eine gewaltige Erschütterung vieler Geschäftsmodelle und am Ende eine deutliche Verringerung der Medienvielfalt im Internet. Vorgetragen wird die Attacke auf das Third-Party-Cookie dabei im Namen von Datenschutz und Userrechten.  Die Vielfalt im Internet wird also genau durch jene angegriffen, die für  ein freies, gleichberechtigtes und pluralistisches Netz eintreten. Dass so eine Welt entstehen könnte, in dem der User gerade nicht mehr – wie beim Cookie eben schon – die Wahlmöglichkeit hat, ob und wem er seine Daten preisgibt, wenn er das Internet nutzen möchte…darüber sollten Sie mal  nachdenken.