Tag Archiv für "Quatsch"

„Ja, ich könnte“. „Ja, ich könnte“ drückt alles aus, was die deutsche Sprache so charmant und liebenswert macht. Es ist ein wunderschöner Konjunktiv, der andeutet, dass man etwas nicht tut, jedoch mit kleineren Verbiegungen auch genau gegenteilig ausklingen kann. Ja, ich könnte etwas tun, muss es aber nicht. Ja, ich könnte mich äußern und vielleicht mache ich es unter Umständen, wenn ich mich dazu gezwungen sehe.

Ja, ich könnte mich nun auch zu Wort melden, zu den Wirrungen eines betagten Werbers, der Polemik auf die Spitze treibt, was durch ein gerütteltes Maß an Geltungssucht nicht unbedingt besser wird. Ja, ich könnte sehr fein säuberlich Satz für Satz zerpflücken. Aber wissen Sie was: Ich habe gar keine Lust dazu, denn ich kommentiere auch nicht das Pfeifen der Spatzen von den Dächern. Doch leider gibt sehr viele, die beifallend klatschen oder Ihre Kritik zum Ausdruck bringen. Ersteres ist subjektiv absolut zielführend, denn man verstärkt eine gemeinsame Position. Letzteres ist an Kontraproduktivität kaum zu überbieten, denn es erzielt genau die Wirkung, die erhofft wurde und die so planbar ist, wie das Amen in der Kirche.

Ja, ich könnte auch mal wieder meine kritische Meinung zu Twitter wiedergeben oder andere Reizthemen und es ist nahezu sicher, dass die Welle der Empörung durch die Kommentarfunktionen brandet.

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Es ist für mich mitunter doch sehr schwer zu ertragen, dass ich nichts Vernünftiges gelernt habe, sondern Werbung mache. Selber Schuld, kann man da sagen. Zum Glück hängen Sie, meine lieben Leserinnen und Leser, genauso mit drin, weil Sie entweder selber werben oder Werbeflächen, Technologien und den ganzen Bauchladen anbieten oder darüber berichten (müssen). Mein Stiefvater (Arzt = zumindest fast vernünftig) war, soweit ich weiß, der einzige Leser, der nicht aus der Branche kam. Er hat das Studieren meiner Zeilen jedoch aufgegeben mit dem Kommentar: Hört sich lustig an, aber ich verstehe von dem Quatsch nichts, und außerdem klingt es so wahnsinnig inhaltsleer. Stimmt, möchte man ihm da zurufen, er hat es verstanden. Aber jemand, der mal Latein lernen musste und jede Menge Sinnfreies über Innereien, der versteht wohl auch nicht existente Zusammenhänge entwaffnend schnell.

Warum also dieser Anflug von Depression – ach, ich vergaß, im Leistungsdeutsch heißt das Burnout – nachdem der Mensch doch gelernt hat, dass Verdrängen eine super Taktik ist? Wie immer hat es mit Schlüsselerlebnissen zu tun. Und in meinem Fall waren es die 10 Fakten über In-Stream-Werbung, die sich via eines Newsletters den Weg in mein abgestumpftes Gedächtnis labyrinthierten. Ich glaube, dass ich mich schon an der einen oder anderen Stelle zu Kombinationen aus Zahl + Pseudo-Erkenntnissen geäußert habe, aber in diesem Fall hat es bewirkt, dass die zermarterten Hirnlappen wieder in Wallung kamen.

Um es kurz zu machen und zum Punkt zu kommen: Die Erkenntnisse aus oben genanntem Artikel bewegen sich ungefähr auf dem Niveau eines verkaterten Sonntagmorgens, bei dem man sich fragt, ob es das Beste wäre, gleich zu sterben oder noch bis zum Formel1-Rennen weiter zu existieren. Beides ist ungünstig, aber was hat man für eine Wahl? Ich werde jetzt nicht alle 10 Fakten durchgehen, aber meine Highlights sind folgende „Erkenntnisse“ mit der entsprechenden Nummerierung:

1. Die Klickraten sind bei InStream-Ads 200 Mal höher als bei Standardbannern. Verblüffend, oder? Schade nur, dass die Konvertierung entsprechend niedriger ist und es, ehrlich gesagt, außer bei PostRoll Ads gar nicht Ziel sein kann zu klicken. Wer bitte schön möchte Gesichtswurst anklicken, wenn dahinter frisches Gemüse kommt? Den Kommafehler blende ich jetzt mal aus, ebenso die merkwürdige Prozentrechnung und die Vermutung, dass wir hier doch eher von einem deutlich geringeren Faktor ausgehen müssen (s. Eisengehalt bei Spinat). Ergänzend möchte ich dazu sagen, dass ein Ferrari auf der Autobahn schneller fährt als ein Lada Niva, ich aber in unwegsamen Gelände vermutlich doch lieber den klapprigen Ivan-Hobel pilotiere. Es ist wie immer eine Frage der Perspektive.

3. VideoAds eignen sich tatsächlich für Markenwerbung. Ach ja, und Butter fürs Brot!

4. Wirklich fassungslos bin ich bei den angedrohten 90 Sekunden-Spots, die nur für Online-Zwecke produziert werden und tatsächlich besser wirken als alles je Dagewesene. Nun wird es auch wirkungsvoller sein, vier Doppelseiten zu belegen als eine Einzelseite im Print. Man kann dann aber auch fast ein eigenes Magazin drucken. Ich empfehle zur weiteren Folter außerdem „Der Förster vom Silberwald“ in einer Endlosschleife und „Spiel mir das Lied vom Tod“ in halber Geschwindigkeit abzuspielen. Gute Unterhaltung!

9. Es ist nicht zu fassen, aber in den USA zahlt man zwischen 11$ und 25$ TKP für VideoAds. Es ist übrigens empirisch erwiesen, dass die meisten Menschen östlich und westlich des Atlantiks wohnen. Außerdem kann mal besseres und mal schlechteres Wetter sein, was aber nicht stört, wenn man eher Mann, Frau, Hermaphrodit, alt oder jung ist.

FAZIT: Manchmal gibt es Momente, da werde ich sehr müde. Das eignet sich sehr gut für: Schlafen.