Tag Archiv für "PR-Gau"

Stellen Sie sich vor, ein Hund (gerne ein Pinscher) pinkelt ihnen ans Bein. Nein, es handelt sich nicht um einen autobiografischen Erfahrungsbericht, sondern lediglich um eine Aufforderung, sich das Szenario vorzustellen. Also, der Pinscher lässt laufen und nach einem wärmenden Moment, wird es vor allem unangenehm und die olfaktorische Wirkung von Stoffwechselendprodukten ist gesellschaftlich nicht zwangsläufig als Parfum anerkannt (auch nicht für Hundeliebhaber). Davidoff Warm Water würde aber gar nicht so übel klingen.

Nachdem wir nun also unsere Assoziationsfähigkeiten geschult haben, möchte ich Sie nunmehr einladen, sich auf meiner abstrakten Reise vorzustellen, Sie wären der Rhein. Gut, jetzt brauchen Sie tatsächlich Vorstellungskraft. Ich mache es gleich auch wieder leichter, denn eben jener Pinscher von gerade eben (ich weiß, dass Sie ihn noch vor Augen haben;)) pinkelt in einen mäandernden Altarm ihres Ehrenwerten Flussbeckens. Dieses können Sie (als Rhein gesprochen) aber leider nicht mehr durchströmen, weil findige Deichbauer ein wenig betoniert haben und nun auch lawinenartige Schneeschmelzen in unserer eidgenössischen Alpenfiliale nicht mehr die Überschwemmungen herbeiführen, die den Arm erreichen würden. Last but not least möchte ich Sie bitten, sich nun den Störfaktor Pinscher aus Sicht einer Privatperson und eines durchaus großen Flusses vorzustellen. Ich denke es wird klar, dass die Bewertung der Pinscher-Situation durchaus differiert.

Warum erzähle ich Ihnen nun eben jenen Vergleich? Vor allem deswegen, damit „wir“ Medienmenschen, Werber, aktive Blogger etc. einsehen, dass wir meistens nur die Privatperson und nicht der Strom sind: also eher Pfütze, statt Atlantik! Eine Aspirin im Wasserglas ist hochdosiert, während die gleiche Medikation auf die Nordsee gerechnet, nur der geneigte Homöopath noch als Medikament empfinden würde. Genau so verhält es sich auch mit den PR GAUs, von denen unsere Fachpublikationen gerne  schreiben. „Jako ist gemein zu Bloggern und erlebt einen riesen PR-GAU“ ist eine zugegeben etwas abgewandelte Überschrift, aber die Blogosphäre brodelt. Nun kann ich eine Hausfrauenumfrage machen und dann wird die erste Frage sein, „wer ist Jako?“ und die zweite „was ist passiert?“. Bis auf enthusiastische Meinungsäußerer und affärenaffine Redakteure, hat es kein Mensch mitbekommen. Ist es nun ein „Größter Anzunehmender Unfall“, wenn etwas passiert, den im Grunde niemand wahrgenommen hat? Oder ist es doch nur ein Sturm in eben jenem Wasserglas, in dass ich eben eine Aspirin versenkte?

Wem Jako nichts sagt, möchte ich an das angebliche vodafone-web 2.0.-Desaster erinnern, in das sich das Unternehmen laut Blogosphäre und Fachpresse mit ihrer neuen Kampagne verstrickt hat. De facto ist es so, dass NIEMAND außerhalb des erlesenen Fachpublikums (und darauf kann vodafone gewiss verzichten) Notiz davon genommen hat. Den Spot kann man gut oder schlecht finden. Der „normale“ Deutsche hörte mäßige Musik und sieht Menschen in allen möglichen Lebenssituationen. In dem Bildgemenge sitzt dann irgendwann der Schnautzermann mit schönem „Iro“ und niemand hätte je Kenntnis davon genommen, dass dieser Mensch das web 2.0. und insbesondere sich selbst vermarktet. Erst recht interessiert keinen, dass er ja eigentlich ein Iphone hat und das er jetzt dem Kommerz erlegen ist. Was mich allerdings kümmert ist die Tatsache, dass es Menschen gibt, welche scheinbar Zeit haben, sich um solche Bagatellen Gedanken zu machen. Neulich saß ich in einem Vortrag und hörte, wie sich der Vertreter eines anderen Mobilfunkers  sich über die Kampagne ausgelassen hat. Bezeichnend war, dass eine gute Freundin, die ebenfalls anwesend war und die Branche sehr gut kennt, mich fragte: „Vodafone? Was war denn da?“ und passender kann ich es jetzt auch nicht beschreiben.

Ich will niemandem die eigene Meinung verbieten und bin auch gegen jede Bevormundung von Unternehmen gegenüber kritischen Konsumenten. Gleichzeitig bin ich aber auch gegen Skandale, die keine sind. Häufig handelt es sich nicht um einen GAU sondern um eine GAE (Größte Anzunehmende Einfallslosigkeit). Wenn einem wirklich nichts einfällt, darf man gerne auch…Schweigen!