Tag Archiv für "Paid Content"

Sind Sie Teil der Werbeindustrie? Dann kennen Sie das: Erzählt man, was beruflich das tägliche Schnitzel sichert, fallen folgende Sätze so gut wie immer: (Online-)Werbung? Die ignoriere ich. Banner? Habe ich noch nie drauf geklickt! TV-Werbung? Schalte ich weg!

Werbung ist halt ein Thema, zu dem niemand stehen möchte und reiht sich ein in eine Vielzahl von Themen, die man am liebsten verdrängt: Umweltverschmutzung? Machen andere – und ab geht es mit dem Urlaubsflieger auf die CO2-Antillen. Würden offiziöse Meinungsäußerungen auch nur ansatzweise zutreffen, wäre die Erotikindustrie von sehr überschaubarer Größe und das TV-Programm hätte wieder Niveau. Dass es nicht so ist, können Sie auf RTL2 eindrucksvoll mit ihrer getauschten Frau bestaunen.

Die Steigerung des Gutmenschen ist der Realitätsignorant, der z.B. ein öffentliches Nahverkehrssystem mit 24-Stunden-Beförderungsgarantie wünscht, jedoch nicht bereit ist ein Ticket zu kaufen. Ein O-Ton, den ich live erleben durfte: „Ich hasse Schaffner und würde nie regulär zahlen. Die Bahn kommt ja auch eh immer zu spät.“ Der Sinngehalt einer solchen Aussage lässt sich in einer Amöbe spielend unterbringen. Gleiches gilt für die Kollegen, die freudestrahlend erzählen, dass sie nunmehr Werbung via Adblocker unterdrücken, was ohnehin viel besser sei und das Internet besser macht.

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Wenn ich darüber nachdenke, welche Wörter mir 2009 am meisten auf die Magenschleimhaut geschlagen sind, fällt es mir nicht schwer, schnell ein paar ganz heiße Kandidaten zu  finden. Favoriten auf das Podium sind  dabei aus meiner Sicht sicherlich „Twitter“ und „Paid Content“. Und manch Newsletter hat es sogar geschafft, beide in einer Zeile zu erwähnen. Dabei haben beide Begriffe im Grunde viel gemeinsam. Sie  beschreiben einen Hype, nur dass es sich bei Twitter meistens um eine positive Berichterstattung handelte, während der Grundtenor bei Paid Content zumeist negativ war. Für mich waren am Ende beide Begriffe gleich nervtötend, aber der Reihe nach:

Twitter als solches will ich – ehrlich gesagt – gar nicht als ideologische Fehlgeburt (die Formulierung verdanke ich übrigens Jörg Haider und er verwendete sie einst, um Österreich zu beschreiben;)) darstellen. Es ist im Grunde ein Tool, das einige Leute ganz witzig finden und viele Menschen brauchen, um sich ein wenig größer zu machen als sie eigentlich sind. Auch wir nutzen seit neustem den sympathischen Tweety-Service und da will ich nicht den Sylvester spielen. Was allerdings medial diesem sehr bescheidenen Thema für eine Präsenz beschert wurde, spottete jeder Beschreibung. Es verging ja kein Tag, an dem nicht irgendjemand darüber berichtete – sei es auch nur so eine brachiale Ankündigungen wie: „Twitter denkt über Erlösmodelle nach“. Ganz ehrlich liebe Leser, das hätten die web2.0-Bastelfreunde vielleicht auch schon mal früher machen können. Darüber nachdenken kostet ja auch nix, abgesehen von dem Venture-Kapital, dass genau beim Lesen dieser Zeilen mal wieder durchläuft, wie die Kapitalrücklagen einst bei Lycos. Was mir fehlte war in dem Zusammenhang übrigens die Schlagzeile am Folgetag: Twitter hat das Denken über Erlöse (wegen zu hohem Prozac-Genuss) wieder aufgegeben. Das hätte mich im Übrigen auch wieder über die Situation schmunzeln lassen. Irgendwann hieß es, dass Twitter für Firmen kostenpflichtig werden würde und das bringt uns wozu? Richtig! „Paid Content“!

Im Grunde ist hierzu auch alles gesagt, was es zu sagen gab. Verlage beschimpfen ihre Leser, Blogger beschimpfen die Verlage und der teilneutral eingestellte Journalist freut sich über die selbstfüllenden Zeilen. Dabei, muss ich ganz ehrlich sagen, entbehrt der „Streit“ doch jeglicher Grundlage. Wenn jemand etwas nur noch kostenpflichtig anbieten will, soll er dies tun. Er wird nicht daran gehindert und der bisherige Bezieher des Contents wird schon mitbekommen, dass es jetzt nichts mehr für umme gibt. Es gibt wahrlich keinen Grund, den User als Schotten und den Verleger als Inquisitor zu bezeichnen, weil beides nicht der Fall ist, wenn man vernünftig miteinander umgeht. Gerade im Advent kann man doch ein wenig mehr Verständnis erwarten, wäre da nicht der Shoppingstress und die verhagelte Jahresbilanz. Aber ob man jetzt mit wehenden Fahnen untergeht, weil einem noch nicht mal ein Erlösmodell einfallen mag oder man einfach zu lange auf einer falschen Basis gewirtschaftet hat, spielt in der letzten Konsequenz keine Rolle mehr. Wenn ich nun mal Schicksal spielen darf, dann wäre der letzte Tweet 2014:

Mopo wurde eingestellt, Döpfi tobt und wir sind übrigens auch weg vom Fenster. Macht es gut und Danke für den Fisch! Tschüss!#ende #gelände

Adieu in 140 Zeichen kann so schön klingen. Frohes Fest!