Tag Archiv für "iPad"

Herzlich willkommen 2011. Nachdem das olle 2010 mit Eiszeit geendet hat, dürfte es das neue Jahr nicht schwer haben, unsere Herzen zu erwärmen. Der Saisonauftakt wurde direkt spannend, denn Frau Piel ist da, Frau Piel ist WDR und Frau Piel gibt gerne unbedachte Interviews (z.B. in der FR) . Als eine der ersten Amtshandlungen kündigte sie direkt eine Bezahl-App für die Öffentlich-Rechtlichen an. Und da sind wir auch schon mittendrin im Richtungsstreit und der Feststellung, dass Prognosen, welche die Zukunft betreffen, verdammt schwer sind. Denn die erste Frage, die sich stellt, lautet: Können sich Bezahl-Apps überhaupt durchsetzen? Die Absatzzahlen der Tablet-PCs werden sicher weiter nach oben gehen, auch wenn das Tabloid als eigenständiges Medium keine kritische Masse erreichen wird und auch die ersten Tests in Bezug auf Response und Clickrate eher ernüchternd sind. Dem gegenüber stehen erste graue Wolken aus dem imperialistischen Mutterland, wonach der Nachfrage nach Magazin-Apps die Puste auszugehen droht. Wenn dem so sein sollte, wird es auch schwer, einen nachhaltigen Umsatz aus den App-Gebühren zu generieren. Das Dressurreiten toter Pferde hätte es ja sonst auch ins olympische Programm geschafft. Was die Dame vom WDR im Speziellen angeht, so stimme ich darüber hinaus auch eher dem Herrn Niggemeier denn dem VDZ zu, der die Berechtigung kostenpflichtiger Apps aus öffentlicher Hand mit der Begründung in Frage stellt, dass wir die Inhalte ja eh schon GEZahlt haben. Tja, recht hat er irgendwie.

Was die sonstige Entwicklung angeht, halte ich das Fortschreiben der 2010er-Erfolgsgeschichten für das plausibelste Szenario: Größere Digitalstücke aus dem Werbekuchen, mehr Bewegtbild, mehr Mobile und mehr Technisierung und Bidding. Nicht zu vernachlässigen ist in dem ganzen Trubel die blaugesichtige Community aus dem kalifornischen Silikontal. Und ich freue mich schon wieder auf Sätze wie: Wenn Facebook ein Land wäre, dann wäre es das drittgrößte der Welt oder so. Genau so schlaue Sätze wären: „Wenn Biertrinker ein Land wären, dann… Wenn Autofahrer eine Autobahn wären… und wenn Jesus heute geboren werden würde, sähe er aus wie ein Taliban und käme in Deutschland in eine geschlossene Anstalt“. Fest steht aber, dass Gitta Saxx jetzt Anteile gekauft hat und zu einer soliden Gesamtbewertung von 50 Mrd. US-$ kommt, was die 500 Mio. Mitglieder mit 100 $ pro Nutzer versilbert (Achtung: Spekulatives Scheinkapital! Bitte keine feuchten Augen bekommen und die Kohle bei Facebook einfordern – obwohl, warum eigentlich nicht!) sowie Goldmann Sachs ins Dschungel Camp zieht. Experten hätten es genau andersrum vermutet, aber so verrückt ist halt unsere Zeit. Das wird auch dadurch belegt, dass inzwischen zwei Browser gleichzeitig Marktführer sein können. Klicken sie hier, wenn Ihre Sympathie dem IE gilt und hier, wenn der Feuerfuchs sich in Ihr Herz gesurft hat.

Alle weiteren Ereignisse (Vulkane, Erdbeben, Übernahmeschlachten, den Untergang der FDP,  Klimaerwärmung etc.), die da kommen werden,  betrachten wir dann in Echtzeit (Realtime Annotation) bzw. mit  größtmöglicher Aktualität. Es bleibt also spannend, Stillstand ist der Tod und nix bleibt, wie es war.

„Die Zahl ist das Wesen aller Dinge“, sagte einst Pythagoras (der Erfinder der Dreiecks-Beziehung) und wusste vielleicht gar nicht, wie Recht er damit hat. Denn ein Wesen wiederum kann sehr launig sein, die Meinung plötzlich ändern oder aber Interpretationsspielraum für jedwede Form der Deutung ermöglichen. Wenn die Zahlen durch kleine Kniffe und große Griffe einer verzerrten Darstellung zugeführt werden, kann man sogar vom Unwesen sprechen. Gleiches gilt, wenn die Zahlen wirklich schlecht sind. Wie eine Zahl durch simple Verdrehung dann eine Aussage ermöglicht, die gar nicht haltbar ist, zeigt uns Herr Born sehr anschaulich in seinem sehr kurzweiligen Blog. Auch für Menschen, die mit Touristik – abgesehen vom Pauschalurlaub auf Malle – wenig zu tun haben, lohnt eine Lektüre der Beiträge des humorigen Professors.

Eine besonders obskure Zahlenreihung findet sich auch jedes Mal dann wieder, wenn ein vertiefender Blick in die Nielsen und Thomson Statistiken ansteht. So valide die Zahlen für Offlinemedien auch sein mögen, in Online erweisen sich stückkostenbasierte Abrechnungsmodelle, eine verwirrende Vielzahl an Websites inklusive proprietärer Bereiche und eine mangelnde Flexibilisierung der Systeme als Wundertüte, deren Ergebnisse in Teilen an die hellseherischen Fähigkeiten des Orakels von Delphi erinnern. Leider werden – soweit mir bekannt ist – bei den Webstatistiken allerdings keine Priesterinnen mehr unter Drogen gesetzt und auch das Schlachten von Ziegen wurde erst neulich von einer EU-Verordnung gekippt. Der Einzige Trost ist, dass sich die Systeme immer relativ lange gleich irren und man aufgrund der Konstanz durchaus wiederum Veränderungen in den Kampagnenstrukturen der Mitbewerber ableiten kann. Ob man dann analog zu manchem Fachblatt die Werte ohne weiterführende Prüfung – trotz mahnender Worte – als bare Münze darstellen muss, ist eine bedenkliche Geschmacks­sache. Ich bin mir allerdings in einem Punkt sicher: Die Wahrscheinlichkeit, dass meine Freundin Top Spender bei Esprit ist, liegt deutlich höher als die Annahme, dass Esprit Top Spender in der Online-Branche ist.

Zu guter Letzt kommt dann auch noch ein wilder Marktforschungstrupp (das ganze Gemetzel findet sich hier) daher, welcher uns erklärt, dass der iPad-Nutzer an und für sich ein egoistischer Unmensch ist. Tja, das kommt wohl raus, wenn man sich Facebook-Profile anschaut und diese dann in Relation zu irgendwas setzt. Mit ein bisschen gutem Willen finde ich vielleicht auch noch raus, dass iPad-User überproportional oft Thunfischsandwich  essen (Ausbeutung der Meere!), Naturisten sind (pfui!) und jemanden kennen, der auf Werbebanner klickt (macht doch sonst keiner!). Ich bin entsetzt und werde zukünftig jeden iPad-Nutzer böse angucken.

„Jeder Verleger sollte sich einmal am Tag hinsetzen, beten und ihm dafür danken, dass er mit diesem Gerät die Verlagsbranche gerettet hat“ (Horizont, Ausgabe 26). Einprägsame Worte eines jüngst eher verzweifelt wirkenden Mathias Döpfner, seines Zeichens Axel-Springer-Chef und einer der großen Verleger in Deutschland.  Gemeint ist damit Steve Jobs und die Einführung des iPads, das die Verlagsbranche, so zumindest der Glaube von Herrn Döpfner, aus dem Tal der Tränen ins gelobte Land führen wird. Aber ist diese Einschätzung überhaupt richtig? Oder ist eine solche Reaktion nicht doch etwas zu euphorisch? Denn Fakt ist, dass die Geschichte der Markteinführung des iPads auch einen ganz anderen Ausgang nehmen könnte! Und dann wäre Herr Döpfner wohl eher vergleichbar mit Priamos, dem Herrscher Trojas, der das nette Holzpferd auch für ein wunderbares Abschiedsgeschenk der Griechen gehalten hatte. Der Rest ist hinlänglich bekannt.

Woher kommt dieser unbeirrbare Glaube, dass das iPad vor allem für Verlage eine neue Erlösquelle sein könnte? Warum sollten User plötzlich massenhaft für Inhalte bezahlen, die einen Click weiter wie immer kostenlos zu haben sind? Zumal die Revolution ja leider nur im Bereich der Gestaltung zu finden ist. Oder was sollten Verlage plötzlich inhaltlich zu leisten in der Lage sein, was ihnen im Netz nicht möglich war? Noch mehr Multimedialität? Da wird sich der eine oder andere Leser sicher freuen. In der Bilanz tauchen diese Positionen aber immer noch auf der Kostenseite auf. Und wer sich mal die Mühe gemacht hat, die Kommentare zu diversen News-Apps zu lesen, der wird festellten, dass es durchaus eine Fraktion gibt, der es weniger auf multimedialen Schnickschnack ankommt, als vielmehr auf schnelle informative Angebote. Eine Postition, die ich durchaus nachvollziehen kann. Auf diesem Weg komme ich jedenfalls sicher nicht weiter und schon gar nicht zu einem völlig neuen revolutionären Verlagsangebot.

Aber sehen wir uns doch mal die andere Seite an: Das iPad ist in erster Linie ein superschönes und praktisches „mobile“ Device. Und wem das Web auf dem Handy bisher zu fuzzelig war, der wird mit dem iPad seine wahre Freude haben. Grosses Display, einfache Bedienung und optimale Lesbarkeit. Einfach eine perfekte Alternative zur guten alten Zeitung. Oder nicht? Immer akuell und interaktiv. Warum sollte ich mir jetzt eigentlich noch die Printausgabe kaufen? Denn auch auf dem Sofa und am Frühstückstisch ist das iPad eine wirkliche Augenweide.

Tja, aus dieser Perspektive sieht die Sache schon ganz anders aus. Statt neue Erlöse über kostenpflichtige News-Aps zu schaffen, könnte das iPad auch die letzten Reste treuer Printkunden in die elektronische Welt konvertieren. Und dann, spätestens dann, brennt Troja wirklich.