Tag Archiv für "Düsseldorf"

Ich habe mich ja schon auf vielen Veranstaltungen herumgetrieben, aber auf dem TV Wirkungstag feierte ich meine Premiere und ich hatte es von vorne herein als einmalige Forschungsreise klassifiziert. Nun bin ich ja auch nicht so leicht nach Düsseldorf zu bewegen, aber manchmal muss man dorthin, wo die Musik spielt. Genau dort ist TV angesiedelt, zumindest in der Eigenwahrnehmung. Und wer die Musik bestellt, bestimmt ja bekanntlich auch was sie spielt. Ich war jedoch überrascht von dem atemlosen Propagandafeldzug, der bisweilen sehr skurrile Stilblüten hervorzauberte.

Es dürfte zu umfänglich sein auf alles einzugehen, aber die wichtigsten Erkenntnisse möchte ich kurz wiedergeben: Da waren die Kollegen der 71 Media, die uns zunächst klar machten, dass jeder investierte Euro in TV sich in mindestens 2 Euro Profit münzen wird. Soweit so gut, Werbung mache ich ja nicht, damit die Pausen zwischen den Filmen besser gefüllt werden. In einer dann aber gewundenen Herleitung die These zu postulieren, dass mehr Streuverlust = Mehrwert ist, war trotz Klimatisierung des Raumes eher eine überhitzte Pointenphantasie des Referenten. Ich interessiere mich nicht für Damenschuhe, Planungslogik hin oder her. Und nebenbei: Recency Planning ist eine planerische Bankrotterklärung, weil es nicht anderes heißt als wahllos um mich zu schießen und zu hoffen, dass der richtige umfällt. Das mag u.U. der beste Weg sein, Genialität würde ich dennoch anders definieren. Und in der „wir sind toll, Youtube ein kleiner Wurm und  lineares TV ist der Gral“ Litanei steckt nicht nur der nächste Offenbarungseid, sondern auch die Gefahr, eben jene nicht zu erkennen.  Angriff ist hier nicht die beste Verteidigung, denn wenn ich Youtube angreife, dann gestehe ich ein, dass es doch kein Randphänomen ist. Warum sollte ich mir sonst Gedanken machen. Wenn ich parallel als 71 Media hingehe und meinen Content auf Youtube verlängere um händeringend mehr Reichweite online zu kreieren, stärke ich damit nicht nur die vermeintliche Konkurrenz, sondern konterkariere meine Qualitätsvorstellungen ebenso wie die erhoffte Preisstellung und führe meine mühsam erarbeiteten Argumentationsketten ad absurdum.

Es folgten internationale Beiträge als klassisch angelsächsisches Emotionskino vorgetragen, deren Fazit wenig überraschend lauteten: Investitionen in TV und in die Marke. Ins selbe Horn stieß dann Herr Richter von Heimat, der den Höhepunkt der Differenzierungslosigkeit verkörperte. In wenigen Worten ausgedrückt lautet sein Credo: Große Kampagnen brauchen große Bilder – im TV! Große Bilder brauchen Emotionen und keine konkreten Verkaufsaussagen. Big Data ist ein aus dem Serverraum emporgestiegener  Treppenwitz. Onlinewerbung besteht aus stalkendem Retargeting und überbewerteten Google-Anzeigen. Mut und die eigene Selbstherrlichkeit sind der beste Weg zum Markenerfolg. Das der gute Mann provozieren wollte, hat er von vorne herein klargestellt und als klassischer Werber sei ihm der Spaß gegönnt. Es bleibt zu hoffen, dass auch hier hinter der dargebotenen Überspitzung eine Reflektion stattfindet, welche ein Stolpern über die eignen Eitelkeiten abwenden würde.

Ipsos hatte noch schnell ein paar Zahlen zur Hand, dass es um das lineare Fernsehen bestens bestellt ist und somit war die Wissenschaft mit vor den Schnellzug gespannt. War sonst noch was? Ach ja, Twitter ist ohnehin eine super Ergänzung zu TV und wenn sie fleißig Werbung buchen ohne zu wissen, wie die Reichweite überhaupt aussieht, dann rechnet sich das neue Büro in Hamburg. Dieses sorgt im Übrigen selbstredend nebenbei für höhere Nutzerzahlen, die uns dann hoffentlich nicht vorenthalten werden.

Ich glaube ja bis heute und trotz der Veranstaltung tatsächlich an das Leitmedium TV, mache mir nun nach einem Tag an der Programmfront jedoch ernsthafte Sorgen. Wenn die Protagonisten des Metiers wirklich glauben was sie sagen, dann werden sie eines Tages Opfer der eigenen Selbstherrlichkeit. Ikarus , Rom, Titanic… to be continued!