Klartext!

„Vermarkter GoodBye sagt, er kann jetzt auch Video-Mails verschicken“, schmettert Kollegin Schmitter  in unser frühmorgendliches Dienstagsmeeting. Die Runde erwacht interessiert aus der Nachschlafphase. Video im Mail? Das klingt toll. Natürlich prüfen wir umgehend nach, wie diese Innovation  tatsächlich funktioniert. Nach hartnäckigem Insistieren, erhalten wir vom plötzlich etwas zögerlich gewordenen Vertriebler Beispiele der Videomails. Aber in den Newslettern  sind lediglich Bildchen eingebaut, auf die der User klicken kann, um sich dann ein Video im Webbrowser anzuschauen. Dass man in E-Mails Bilder anzeigen und verlinken  kann, das war uns dann doch schon  bekannt.

Zurück bleibt aber die Frage:  Gibt es  Videomails nun tatsächlich auch  im wahren Leben und zwar außerhalb von  Vermarkterpräsentationen und Direktmarketing-Kongressen? Die Antwort ist ein bisschen kompliziert und erinnert an die verblichenen Ostblockscherzfragen an Radio Eriwan: Im Prinzip ja, es kommt nur darauf an, was man unter einem Video im Mail versteht.  Was  definitiv nicht geht, zumindest hier und heute, ist das Verschicken der üblichen Webvideo-Formate als Bestandteil einer Mail und das Abspielen des Videos im Mailclient oder Webmailer. Zum Einbinden der Filme werden Scripte benötigt, die von allen aktuellen Mailbetrachtern rücksichtslos deaktiviert werden. Der Grund: das Ausführen von solch aktiven Inhalten im Mailer kann üble Sicherheitslücken öffnen. Böswillige Zeitgenossen könnten dann nicht nur Filme ablaufen lassen, sondern auch versuchen, die Mails an die Geliebte zu lesen, die Passwörter zu stehlen oder die Festplatte zu formatieren.

Um eine Alternative zu entwickeln, kamen findige Köpfe auf die Idee, ein Format zu benutzen, das  aus den Urzeiten der Onlinewerbung stammt, den meisten Usern heute aber nur noch begegnet, wenn mit Ihrem Flash-plugin etwas faul ist und sie die Fallback-Werbemittel sehen: Die animierte GIF-Grafik. Dabei handelt es sich um  Bilder. Dass sie bewegt sind, stört den Mailer nicht – für ihn bleiben es Bilder.  Was auf den ersten Blick wie eine elegante Lösung aussieht, kämpft in der Praxis dann aber mit einigen Schwierigkeiten. Erstens und am Schlimmsten: Bilder kennen keinen Ton. Ein als animiertes GIF erzeugter Film bleibt für immer stumm. Darüber  hinaus ruckeln die Filme meist, denn mehr als 16 Einzelbilder  pro Sekunde kann auch der modernste Browser oder Mailclient nicht darstellen. Eigentlich würde eine Framerate von 24  Bildern benötigt. Die Browser Safari und Chrome schneiden mit 10 beziehungsweise 12 Bildern pro Sekunde hier noch deutlich schlechter ab, auf einem Mac läuft solch ein GIF-Film damit mit weniger als der Hälfte der eigentlich erforderlichen Frames. Drittens muss das Format natürlich eigens produziert werden.  Wer weiß, was die Erstellung eines  Newsletters im Normalfall so kosten darf, wird das mit großer „Freude“ hören. Und als wären das nicht schon Probleme genug, schlägt zum Schluß noch erbarmungslos das ewige Mantra des E-Mail-Marketings zu: Nicht im Outlook 2007.  Outlook 2007 stellt nur das erste  Bild der Animation als Standbild dar, kein Film, aus.

Es gibt trotzdem  geeignete Anwendungsfälle für diese Form von Bewegtbild – mir sind allerdings bis heute nur wenige begegnet. Auch lese ich in amerikanischen Studien gelegentlich von erstaunlichen Leistungssteigerungen durch Videomails, nur fehlen im Anhang fast immer die  konkreten Arbeitsbeispiele. Ein kleiner Hoffnungsschimmer bleibt  uns  allen, die gerne mal ein richtiges Video in der E-Mail-Kommunikation nutzen würden. In den USA hat AOL (ja, die gibt es da drüben auch noch) gemeinsam mit einem Technologieanbieter, ein Verfahren zum Versenden von Videoinhalten in Mails durch zertifizierte Absender an den Start gebracht. Inwieweit  solch ein Ansatz übergreifende Marktrelevanz gewinnen kann, bleibt abzuwarten. Technologisch bietet er zumindest ein sicheres Verfahren, um doch noch irgendwann das Tor des Monats – inklusive Kommentar und Jubelschreien – direkt in den elektronischen Briefkasten geschickt zu bekommen.

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Tobias Wegmann ist Chief Technical Officer bei mediascale. Mit seinem technischen Knowhow schreibt er hauptsächlich über die Themen Tracking, Software, Programmatic Advertising und das mediascale Profiling-Produkt NE.R.O. Dabei schafft er den Spagat zwischen der Vermittlung von fundiertem technischem Hintergrundwissen auf der einen Seite und allgemein verständlichen Formulierungen für weniger Versierte andererseits.

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