Klartext!

Adfraud und Brand Risk sind zwei Schlagworte, die seit einiger Zeit vermehrt in der Fachpresse auftauchen und die bei den Werbetreibenden berechtigte Unruhe auslösen. Viele Kunden fragen sich, ob ihre Werbekampagnen immer in einem ihrer Marke zuträglichen Umfeld ausgeliefert werden und sind nicht sicher, ob sie Teile Ihres Onlinebudgets vielleicht an Kriminelle verschenken.

Adfraud – Was ist das?

Der Begriff Adfraud bezeichnet die betrügerische Vortäuschung einer nicht oder falsch erbrachten Werbeleistung. Es gibt eine Vielzahl von unterschiedlichen Spielarten des Adfraud, die sich in Bezug auf technische Raffinesse und kriminelle Energie erheblich unterscheiden. Generell sprechen wir von Impressionfraud, wenn die Werbeeinblendung vorgetäuscht wird und von Klickfraud, wenn der Klick auf das Werbemittel hin zum beworbenen Produkt von der betrügerischen Manipulation betroffen ist. Die einfachste Form des Klickfrauds ist so alt wie die Internetwerbung: Ein Publisher klickt von Hand auf die bei ihm eingebuchte Werbung, um die Klickrate nach oben zu treiben. Solche Manipulationen sind entweder von geringfügigem Ausmaß oder leicht zu entdecken.

Derlei manuelle Manipulationen sind naturgemäß nur begrenzt skalierbar, weshalb Übeltäter mit weitergesteckten Ambitionen die Technik für sich arbeiten lassen. Sie programmieren sogenannte Crawler oder Bots. Das sind Softwareprogramme, die in einem Rechenzentrum laufen und die Webseiten aufsuchen. Im Gegensatz zum legitimen Bot einer Suchmaschine, geben sie sich als von einem Menschen bedienter Browser aus, um dessen Seitenaufrufe, Adclicks oder sogar noch Aktionen auf der Zielseite zu simulieren. Eine neue Dimension hinsichtlich des technischen Aufwands erreicht Adfraud, wenn man diese Manipulationsprogramme nicht mehr nur auf eigener Hardware im Rechenzentrum installiert, sondern private Rechner heimlich für sich rechnen lässt. Entsprechende Software nennt sich Adware.

Bezahlte Reichweite durch Surfbars

Bei den sogenannten Surfbars können sich User aktiv anmelden und dann eine minimale Vergütung dafür erhalten, dass im Hintergrund oder einem minimal großen zweiten Browserfenster beliebige Webseiten geladen werden. Der Webseitenbetreiber kann beim Surfbar-Anbieter den entsprechenden „Traffic“ ganz offiziell einkaufen, um sein Auslieferungsvolumen zu erhöhen. In der Regel landet die Adware aber als mehr oder weniger undeklarierte Beigabe zu kostenloser Software auf dem Privatrechner. Der Nutzer bekommt die Installation nur selten mit und wundert sich dann vielleicht, wenn sich beim Besuch einer werbefreien Seite wie tageschau.de plötzlich ein Interstitial mit Werbespots und Bannern über oder hinter die Seite legt. Diese Werbemittel wurden zuvor über programmatische Markplätze natürlich als hochwertige Platzierungen auf eben dieser Seite zum Kauf angeboten.

Über sogenannte Surfbars können Webseitenbetreiber ganz einfach und legal Reichweiten einkaufen.

 

Simulierte Werbeleistung durch Botnetzwerke

Noch deutlich mehr kriminelle Energie wenden sogenannte Botnetzwerke auf. Hierbei werden Privatrechner mit einem Computervirus infiziert, der im Hintergrund die Kontrolle über das Gerät übernimmt und dann unter anderem dazu benutzt werden kann, Werbeleistung zu simulieren. Dies geschieht entweder direkt im Hintergrund auf dem Gerät, oder durch den für einen normalen Nutzer nicht wahrnehmbaren Aufruf von meist speziell dafür erstellten Webseiten, auf denen neben nebulösem Content und sichtbaren Bannern auch Werbemittel in für den menschlichen Betrachter nicht erkennbaren pixelgroße Frames ausgeliefert werden. Ein zufälliger menschlicher Besucher einer entsprechend präparierten Seite bemerkt gar nicht, dass Dutzende von unsichtbaren Werbekontakten an ihn ausgeliefert werden, für die die Werbetreibenden natürlich bezahlen müssen.

Simulierte Seitenaufrufe im Verlauf, die von Adware unfreiwillig im Hintergrund aufgerufen wurden.
Simulierte Seitenaufrufe im Verlauf.

 

Andere Formen von Adfraud

Bei anderen Formen des Adfrauds gibt es auch sichtbare Werbemittel, der Fraud liegt dann darin, dass die Auslieferung in keiner Weise den Buchungsbedingungen der Kampagne entspricht. Sehr beliebt, weil äußerst erlösträchtig, ist es zum Beispiel, ein teuer gebuchtes Instream-Video-Ad in einer äußerst billig eingekauften Bannerwerbefläche, etwa einem Medium Rectangle abzuspielen – natürlich ohne dass auf den Videospot ein Contentvideo folgt. Werbebanner selbst werden gefraudet, indem sie anstatt im vorgesehen und häufig sogar über sogenannten Referrerfraud vorgetäuschten Premiumumfeld auf minderwertigen Ramschreichweiten ausgeliefert werden. Auch hier ist das Einkaufsgefälle beträchtlich.

An dieser Stelle treten die Phänomene Adfraud und Brand Risk, also eine Schädigung des Markenimages, gemeinsam auf, denn die obskuren Webseiten, auf denen die Banner erscheinen, enthalten in der Regel pornographische oder in anderer Form markenschädliche Inhalte.

Beispiel für Brand Risk: Werbung einer Hilfsorganisation auf der Seite des rechtspopulistischen Kopp Verlages.
Beispiel für Brand Risk: Werbung einer Hilfsorganisation auf der Seite des rechtspopulistischen Kopp Verlages.

 

Keine neuen Phänomene

Adfraud und Brand Risk sind aber beileibe keine neuen Erscheinungen in der Onlinewelt. Schwarze Schafe gab es schon, als die Onlinewerbung um die Jahrtausendwende den Kinderschuhen entstieg. In Deutschland schaffte der Markt es aber, vor allem aufgrund der Qualitätsbemühungen der großen Agenturen, diese Probleme zurück an den Rand des Marktes zurückzudrängen. Die programmatischen Prozesse, die in den letzten Jahren im Displaymarkt an Bedeutung gewonnen haben, haben dieses Bild verändert. Es ist begrüßenswert, dass die programmatischen Plattformen zu einer Erweiterung des Marktes und zu einer neuen Qualität in der userzentrierten Kampagnenaussteuerung beitragen. Sie öffnen aber erneut Einfallstore für Marktpartner mit unlauteren Absichten und sind bisher, auch aus prinzipiellen strukturellen Gründen, nicht in der Lage, die Qualität ihre Reichweiten konsequent und wirksam sicherzustellen.

Wie groß der dadurch entstehende Schaden auf dem deutschen Displaymarkt ist, lässt sich nur schwer beziffern. Mit Sicherheit ist aber der Anteil des Fraudtraffics deutlich geringer, als auf dem US-Markt – dieser funktioniert traditionell ganz anders, als die Geschäftsprozesse hierzulande. Wie anfällig eine Kampagne für Betrug ist, hängt natürlich auch sehr stark auch vom gewählten Kampagnentyp und der Sorgfalt bei der Umsetzung der Kampagne ab. Wer über einen Programmatic-Advertising-Anbieter eine Reichweitenkampagne nur mit Blacklisting, also dem Ausschluss einer Liste ungewünschter Webseiten, einbucht und keinerlei Inventarquellen prinzipiell ausschließt, braucht sich über Adfraud nicht zu wundern. Erfahrene Mediaplaner können diese Risiken auch in der programmatischen Welt beherrschen und auf ein vertretbares Minimum reduzieren.

Die Lösung: Kontrolle und Vertrauen

Dies kann durch zwei Dinge erreicht werden: Kontrolle und Vertrauen. Kontrolle bedeutet, dass alle notwendigen Tools eingesetzt werden, um die Kampagne des Werbekunden nicht nur zu optimieren, sondern auch so engmaschig wie nötig zu kontrollieren. Welches Toolset dafür eingesetzt wird, kann von Kampagne zu Kampagne unterschiedlich sein. Die Adserversuite hilft dabei, die Einhaltung der Buchungsbedingungen hinsichtlich Auslieferungsmenge, Umfeld, Visibilität, Kontaktfrequenz, Regionalität und Zielgruppenerreichung zu überwachen. Um Fraudversuche und die Auslieferung in problematischen Umfeldern vorzubeugen, können bei Kampagnen mit erhöhtem Risiko zusätzlich die Dienste spezieller Ad-Verification-Dienstleister in Anspruch genommen werden, die die Kampagne bei der Werbeauslieferung begleiten. Und über alle Kampagnen sollte zusätzlich ein crawlerbasierter Frauderkennungsdienst wachen. Dies ist ein effizientes Frühwarnsystem, das dabei hilft, besonders raffinierte oder neuartige Betrugsversuche zu erkennen und zu dokumentieren, die sonst nur beim Blick „von außen“, also durch den Crawler auf die gesamte Website, entdeckt werden können.

Doch trotz aller Sorgfalt bei der Kontrolle: Kein Softwaretool der Welt ist heute in der Lage, Kampagnenbetrug zu hundert Prozent sicher zu erkennen und zu verhindern. Entweder sind die Systeme nicht in der Lage, komplexe Fraudversuche zu bemerken, da sie nur mit der Kampagne ausgeliefert werden und deshalb nicht alle Zusammenhänge auf der Website erkennen können oder sie sehen alles, begleiten aber nicht jede einzelne Werbeauslieferung der Kampagne, wie es naturgemäß beim Crawler der Fall. Deshalb muss sich zur Kontrolle zwingend das Vertrauen in die Marktpartner auf Demand- und Supplyside gesellen. Das entsteht aber nur, wenn man eine direkte Geschäftsbeziehung unterhält, den Einkauf also vornehmlich über Deals bei Partnern vornimmt, die man kennt und deren Vertrauenswürdigkeit man einschätzen kann. So verhindert man, dass man die Katze im Sack kauft.

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Tobias ist Chief Technical Officer bei mediascale. Mit seinem technischen Know-how schreibt er hauptsächlich über die Themen Tracking, Software und das mediascale Profiling-Produkt: NE.R.O. Dabei schafft er den Spagat zwischen der Vermittlung von fundiertem technischem Hintergrundwissen auf der einen Seite und allgemein verständlichen Formulierungen für weniger Versierte andererseits.

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